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InternetCoach
InternetCoach, Psychologin
Kategorie: Psychologie
Zufriedene Kunden: 1450
Erfahrung:  Familientherapeutin, Drogenberatung, Erziehungsberatung
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Mein Sohn 14 hat sich zum ersten mal am Arm geritzt. 75 % seiner

Kundenfrage

Mein Sohn 14 hat sich zum ersten mal am Arm geritzt. 75 % seiner klasse macht das. Mir ist das sofort aufgefallen und habe ihn drauf angesprochen. Er sagte das wurde den Druck nehmen. Wir haben eine Ente Beziehung und Elternhaus ist auch ok. Habe das Gefühl er macht es auch weil seine Freundin das tut. Sie ist Türkin und die Eltern dürfen davon nichts wissen. Ich bin verzweifelt. Er sagt er will versuchen es nicht mehr zu tun. Was soll ich machen?
Gepostet: vor 4 Jahren.
Kategorie: Psychologie
Experte:  InternetCoach hat geantwortet vor 4 Jahren.
Sehr geehrte Eltern,
ich kann Ihr Entsetzen und Ihre Sorge verstehen. Und ich bin froh, dass Sie Ihren Sohn gleich darauf angesprochen haben - und selbst Ihr Sohn kann das als etwas positives erkennen, denn es bedeutet, dass er Ihnen wichtig ist (anscheinend im Gegensatz zu anderen Kindern in seiner Klasse).

Das Ritzen kann viele Ursachen und Ziele haben und ist fuer viele Jugendliche heutzutage so etwas wie eine "Problemloesungsstrategie." Das Ritzen ist oft ein Weg mit Angst, dem Gefuehl von Kontrollverlust und der Unzufriedenheit mit sich selbst und den eigenen Leistungen umzugehen.



Hier ein paar Hintergrundinformationen zum Ritzen und den moeglichen Ursachen:

Die beliebteste Methode ist das Ritzen, bei dem sich die Jugendlichen mit einem Messer, einer Rasierklinge oder einer Nagelschere selbst Schnitte zufügen. Andere beißen sich, knabbern die Nägel bis aufs Blut ab oder drücken sich brennende Zigarretten auf dem Körper aus.
Für Außenstehende ist das Phänomen der Autoaggression kaum nachzufühlen und auch die betroffenen Kinder selbst können kaum erklären, was in ihnen vorgeht. Eine Gemeinsamkeit scheint in den meisten Fällen die zu sein, dass sich der Betroffene durch den Schmerz selbst spüren kann, seelischer Schmerz wird mit körperlichem überlagert – denn der ist klarer zu erfassen und tut anders, weniger weh. Die Probleme, die zur Selbstverletzung führen können ein geringes Selbstwertgefühl oder Depressionen sein; Schulfrust, familiäre Schwierigkeiten, Liebeskummer oder die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle auszudrücken, suchen sich ein Ventil. In einigen Fällen ist gerade das Ritzen allerdings tatsächlich auch nur eine Modeerscheinung. Die Medien, hier insbesondere das Internet, machen aus der Selbstverletzung etwas Aufsehenerregendes und Besonderes. Auf dieser Welle schwimmen nicht wenige Jugendliche, um sich von der Masse abzuheben. Natürlich entspringt auch hier das Ritzen letztendlich aus einem mangelnden Selbstbewusstsein.

Jedes Mal, wenn ein Jugendlicher sich selbst verletzt, hat das Auswirkungen. Nicht selten wirkt das Ritzen beruhigend und ausgleichend und kann somit in kurzer Zeit zum Suchtmittel werden. Wo andere eine Zigarette rauchen oder mal eben um den Block rennen, wird hier das Ritzen genutzt, denn es „hilft“, zumindest für den Moment. Dieser Mechanismus greift, egal, welche Motivation vorhanden ist. Wenn das Blut fließt oder der Schmerz am größten ist, dann lässt der Druck, unter dem der Betroffene leidet nach und fühlt sich besser. Manche Betroffene berichten, dass es ihnen hilft, das Blut zu sehen. Mit dem Blut fliesst die Spannung aus dem Koerper. Andere berichten, dass sie ihre inneren "unsichtbaren" Schmerzen sichtbar machen moechten - und dass die Seele weniger weh tut, wenn der Koerper schmerzt.

Der erste Gedanke ist sicher immer der, einen Psychologen aufzusuchen und dies macht auch Sinn. Sträubt sich Ihr Kind allerdings zu sehr dagegen, wird dies wenig erfolgreich sein. Stattdessen können Sie – zumindest für einen begrenzten Zeitraum – versuchen, ob Sie das Problem mit Ihrem Kind zusammen in den Griff bekommen. Auf verschiedenen Selbsthilfeseiten (die Sie Ihrem Kind übrigens zugänglich machen sollten) wird im Internet eine Vielzahl von Informationen bereitgestellt. Darunter sind auch Alternativen, die Ihr Kind ausprobieren kann, um sich vom Ritzen abzulenken. Allerdings sollten Sie allzu langes Experimentieren vermeiden. Autoaggression kann auf schwere psychische Störungen hinweisen und es ist wichtig, die tiefere Ursache zu ergründen und an ihrer Auflösung zu arbeiten.



Hier ein Artikel zum Ritzen:

http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,524757,00.html

Es ist erschreckend, dem eigenen Kind dabei zuzusehen, wie es sich selbst verletzt. Vermutlich leiden Sie selber unter Anspannung, Furcht, einem schlechten Gewissen oder sind verwirrt. Wie sehr Sie sich auch bemühen zu helfen, Sie müssen sich darüber im Klaren sein, daß die Entscheidung, sich helfen zu lassen, beim Betreffenden liegt. Sie können ihn nicht dazu zwingen.

Wenn Sie und Ihr Kind sich entschließen, zum Psychologen zu gehen, wird dieser ebenfalls am Anfang den Schwerpunkt darauf legen, eine Ersatzhandlung zu finden, um den Druck nicht zu groß werden zu lassen und Entzugserscheinungen zu vermeiden. Gleichzeitig wird in Therapiesitzungen am eigentlichen Problem gearbeitet. Ziel ist, die Gründe für die Selbstverletzung zu finden und bewusst zu machen. Ein wichtiger Schritt ist die Entwicklung von Selbstliebe, die bei Jugendlichen, die zur Selbstverletzung greifen, kaum vorhanden ist. In schweren Fällen der Autoaggression sollte die Behandlung stationär durchgeführt werden, um die Kinder vor sich selbst zu schützen und eine dauerhafte Überwachung zu ermöglichen.

Wenn Sie feststellen, dass Ihr Kind sich selbst verletzt, ist das hart. Sie sollten versuchen, sich nicht allzu viele Vorwürfe zu machen, sondern liebe- und respektvoll mit dem Thema umgehen. Sie koennen Ihr durchaus sagen, dass Sie sich ueberfordert fuehlen, ihr zu helfen und darum denken, dass eine Therapie gut waere. Lassen Sie Ihren Sohn wissen, dass Sie sehen koennen, wie schwer und schmerzhaft sein Leben gerade zu sein scheint, dass Sie gerne verstehen wuerden, warum, dass Sie ihm gerne helfen wuerden, und dass Sie Hoffnung fuer eine weniger schmerzhafte Zukunft haben.

Lassen Sie Ihren Sohn so viele Entscheidungen, die mit der Therapie zusammenhaengen selbst entscheiden - schauen Sie z.B. gemeinsam Listen von Therapieformen und Therapeuten an (kann auch ueber email geschehen), fragen Sie nach ihrer Meinung, aber bieten Sie viel Rueckhalt und machen Sie es sehr klar, dass Sie als Eltern letztendlich die Verantwortung tragen und fuer sein Leben und Wohlergehen kaempfen und dahingehend Entscheidungen treffen werden. Er wuenscht sich wahrscheinlich mehr Kontrolle in seinem Leben und moechte gleichzeitig wissen, dass Sie als Erwachsene den grossen Rahmen stecken, damit sie nicht fuer alles Glueck und Unglueck in der Welt verantwortlich ist (wie z.B. auch das Leiden der Freundin) - keine leichte Aufgabe, aber Sie kennen Ihren Sohn da besser, um zu entscheiden, was genau Sie sagen werden.

Die Krankenkassen in Deutschland bezahlen nur drei Therapieformen, die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Therapieform. (Eine neuere Therapieform, die eine Mischung aus Verhaltenstherapie und tiefenpsychologischen Therapie darstellt, ist die Schematherapie. Auch diese oft von Krankenkassen bezahlt www.schematherapie.de). Wenn Sie eine andere Therapieformen wählen, dann gestaltet sich eine Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen meist schwierig.

Bei dem ersten Termin ist es wichtig, dass Ihr Sohn einen Eindruck gewinnt, ob er sich eine Therapie mit dem betreffenden Therapeuten/Therapeutin vorstellen kann. Nicht jeder Therapeut passt für jeden Menschen.

Es gibt mehrere Moeglichkeiten, einen Therapeuten zu finden. Um relativ schnell einen Termin zur Diagnostik und/oder zur Therapie zu bekommen, wenden Sie sich am besten an eine nahegelegene psychotherapeutische/ psychiatrische ambulante Fachklinik, an eine Universitätsklinik mit einer psychotherapeutischen/ psychiatrischen Ambulanz oder an ein psychotherapeutisches Ausbildungsinstitut. Es dauert oft recht lange, um einen Termin bei einem niedergelassenen Psychologen zu bekommen, aber auch das waere eine Moeglichkeit. Fragen Sie dazu bei Ihrer Krankenkasse nach einer Liste von geeigneten Therapeuten.

Schauen Sie also als erstes gemeinsam nach Selbsthilfeseiten im Internet, reden Sie ueber Ursachen (was ist der Vorteil von Ritzen - wie kann ich den gleichen Effekt auch anders erzielen?), und dann reden Sie ueber professionelle Hilfe.

Ich hoffe, dass Ihnen diese Tipps und Information weiterhelfen.

Fuer Nachfragen stehe ich natuerlich gerne zur Verfuegung.

Mit freundlichem Gruß,

Annegret Noble

Ueber eine positive Bewertung meiner Antwort wuerde ich mich freuen. Vielen Dank.

Meine Ausführungen und Meinungen ersetzen keine psychologische Diagnostik oder Therapie. Sie beinhalten nur Hilfestellungen, Vorschläge und Lösungsansätze.