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diplompsychologe
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Kategorie: Psychologie
Zufriedene Kunden: 1216
Erfahrung:  Dipl.- Psychologe (Uni) & Verkehrspsychologe
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Hallo, ich habe im September auf eine Kontaktanzeige geantwortet.

Kundenfrage

Hallo, ich habe im September auf eine Kontaktanzeige geantwortet. Mit diesem Mann habe ich mich von Anfang an sehr und verstanden und wir sind sehr bald zusammen gekommen. Seine Frau ist im Frebruar 2012 durch einen Unfall tödlich verletzt worden. Sie Waren 17 JaHre zusammen und hatten keine Kinder. Ich habe auch keine.Er ist mit mir zu Hochzeit meiner besten Freundin gegangen, er sprach davon was ich vom heiraten halte und ob wir gemeinsam über Weihnachten in den Uralub fahren wollen. Als sich die Weihnachtszeit näherte kam auch die Trauer zu seiner Frau zurück. Er sagte, er wüsste nicht wo die Gefühle zu mir sind, sie wären aufeinmal weg. Er wünscht sich eine Beziehung, aber er kann es z.Z. nicht. Seine Verstorbene Frau hat noch eine Tante (83 Jahre) wo sie sich immer drum gekümmert hat, dieses möchte er fortfahren, leider überfordert es ihn, er hat es sich einfacher vorstellt. Er ist normaler Weise ein sehr starker Mann und deslhalb möchte er es alleine schaffen, ich habe ihm meine Hilfe angeboten, aber er will es mit der Trauer alleine schaffen.
Bitte sagen sie mir, lohnt es sich um ihn zu kämpfen, gibt es für mich noch Hoffnung. Ich liebe ihn sehr. Es war eine schöne intesive Zeit mit ihm
Gepostet: vor 3 Jahren.
Kategorie: Psychologie
Experte:  InternetCoach hat geantwortet vor 3 Jahren.
Sehr geehrte Fragestellerin,
vielen Dank fuer Ihre Frage. Ich moechte Ihnen zu diesem Zeitpunkt Mut machen, dass es sich durchaus lohnen koennte, geduldig zu sein.
Ich wuerde Ihnen gerne etwas ausfuehrlicher den Trauerprozess beschreiben, damit Sie besser verstehen, was in diesem Menschen, den Sie lieben, vorgeht und warum er wahrscheinlich im Moment etwas Abstand braucht. Das erste Jahr nach einem grossen Verlust ist sehr schwer und der erste Jahrestag des Verlustes ist oft mit vielen chaotischen Gefuehlen verbunden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Tatsache, dass er im Moment nichts fuer Sie empfinden kann, v.a. damit zusammenhaengt, dass diese anderen Gefuehle so viel staerker sind und die Gefuehle fuer Sie ueberdecken.

Die Gefühle, die man nach einem Verlust durchläuft, scheinen sich an eine bestimmte Ordnung zu halten. Die erste Reaktion auf Verlust ist oft der Versuch, die Realität wegzuleugnen. Man kann und will nicht glauben, dass das Geschehene wirklich passiert ist. Typische Gedanken sind: “Das ist alles nur ein Traum.” “Morgen ist alles wieder in Ordnung.” “Das kann einfach nicht wahr sein.” „Ist das wirklich passiert?“

Die Phase des Verleugnens kann von ein paar Minuten bis hin zu einigen Wochen dauern, je nach der Größe des Verlusts. Danach folgt normalerweise eine Zeit des Verhandelns. Man versucht mit Gott, der Welt, dem Universum, sich selbst oder anderen Menschen zu verhandeln, um das Geschehene ungeschehen zu machen. Typische Gedanken sind: “Wenn ich nur hart genug arbeite, wird keiner merken, was wirklich passiert ist.” “Wenn ich von jetzt an alles richtig mache, dann wird er wieder zurückkommen.” “Ich muss nur wirklich danach suchen, dann werde ich es schon finden.” „Es wird schon besser werden, wenn ich nur....“ Für Erwachsene und Jugendliche, die in der Regel einen recht guten Realitätssinn haben, dauert die Zeit des Verhandelns normalerweise nicht besonders lange. Sie merken schnell, dass man noch so viel versprechen kann, letztendlich kann man den Verlust nicht ungeschehen machen. Jüngere Kinder, die noch eine rege Fantasiewelt haben, brauchen oft etwas länger, um den Verlust als Tatsache anzuerkennen.

Nach dem Verhandeln kommen Wut und Trauer. Diese beiden Gefühle wechseln sich oft ab. Vielen Menschen fällt es leichter, wütend zu sein als traurig. Wut gibt Energie und beschützt. Wenn man wütend ist, kann man wenigstens morgens aufstehen und zur Arbeit gehen. Man kann sich gegen die unbedachten Worten der Menschen wehren, die den Verlust nicht verstehen. Trauer dagegen nimmt Energie. Man kann sich kaum bewegen und es ist schwer, die einfachen Aufgaben des täglichen Lebens zu erfüllen. Manchmal führt Trauer zu Depressionen. Depressionen machen es nicht nur schwer sondern fast unmöglich morgens aufzustehen, zu essen, sich anzuziehen, zur Arbeit zu gehen, und im täglichen Leben zu funktionieren. Menschen, die nach einem Verlust in Depressionen verfallen, brauchen oft professionelle Hilfe, um den Weg zurück zu finden. Die Länge dieses Prozesses hängt natürlich von der Grösse des Verlusts ab. Wenn ein Kind oder ein Partner unerwartet stirbt, ist es normal 4-5 Jahre lang zwischen Wut und Trauer hin- und herzuschwanken. Sollten die Gefühle des Trauerns dann noch immer so stark sein wie gleich nach dem Verlust, ist es wahrscheinlich eine gute Idee, um Hilfe zu bitten. Das Gefühl von Verlust und Leere wird vor allem an Verjährungsdaten wiederkommen. Aber es sollte mit der Zeit weniger akut und intensiv werden. Sowohl Trauer als auch Wut sind nötig, um den Verlust zu verarbeiten. Die Anteile der beiden Gefühle variieren von Mensch zu Mensch, aber Menschen, die nur eins dieser Gefühle zulassen, werden es schwer finden, den Verlust wirklich zu akzeptieren.

Nach der Zeit der Trauer und Wut, folgt dann irgendwann die Akzeptanz. Man muss akzeptieren, dass das Leben nie wieder so sein wird wie zuvor. Aber im Gegensatz zur Resignation, die den Verlust zwar akzeptiert, aber zwangsläufig entscheidet, dass damit das Leben schlechter und weniger lebenswert ist, bedeutet wahre Akzeptanz, dass man von ganzem Herzen glaubt, dass das Leben zwar anders, aber trotzdem im grossen und ganzen gut ist. Akzeptanz ist nicht nur ein Gefühl sondern auch, und vielleicht sogar vor allem, eine Entscheidung. Es gibt Verluste im Leben, bei denen man sich eine lange Zeit lang jeden Tag neu entscheiden muss, sie zu akzeptieren. Erst dann folgt irgendwann das Gefühl und macht das Akzeptieren etwas leichter. Nachdem man den Verlust tatsächlich akzeptiert hat, kann man sich erneut auf das Leben einlassen. Erst dann kann man neue Beziehungen knüpfen und die kleinen Freuden des Lebens wieder geniessen. Viele Menschen bemerken zu diesem Zeitpunkt, dass sie wieder unbedarft lachen, dass sie sich am Geruch einer Blume erfreuen, dass ihnen das Essen wieder schmeckt, dass sie wieder Lust haben, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen.

Leider erlauben sich nur wenige Menschen, dem Prozess des Trauerns seinen Lauf zu lassen. Es gibt so viele gute Gründe, schnell wieder funktionieren zu wollen. Da sind die Arbeit, die Erwartungen der Familie und der Freunde, die zeitgebundenen Projekte, die Bedürfnisse der Menschen um einen herum. Sechs Monate nach dem Tod einer geliebten Person bekommt man keine Karten mehr zugeschickt oder Worte der Anteilnahme zu hören. Es wird normalerweise erwartet, dass man seinen Verlust „weggesteckt“ hat. Und wenn sich dann doch jemand nach dem persönlichen Befinden erkundigt, sagt man, dass man über den Verlust hinweg ist, denn man hat sich mittlerweile selbst davon überzeugt, dass sechs Monate mehr als genug sind, um zu trauern. In einer Gesellschaft, die wenig Raum zum Trauern lässt, ist es darum kein Wunder, dass viele Menschen versuchen, diesen Prozess abzukürzen oder ganz zu vermeiden.

Man kann sich einreden, dass der Verlust gar nicht so schlimm war, dass man jetzt mit dem Trauern fertig sein sollte, dass man keine Zeit hat, dass das Leben einfach weitergehen muss. Damit verdrängt man die Gefühle, stopft sie tief in sich hinein und hofft, dass sie irgendwie verschwinden. Wenn man sich weit genug von seinen Gefühlen abgegrenzt hat und nur auf den Kopf und nicht auf die Seele hört, dann kann man sich oft selbst davon überzeugen, dass man nicht wirklich trauern muss. Oder man kann versuchen, sich von seinen Gefühlen abzulenken. Drogen, Alkohol, Essen, Arbeit, Glücksspiele oder Sport sind beliebte Wege, von den den unangenehmen Gefühlen abzulenken und sie nicht spüren zu müssen. Menschen werden oft sehr kreativ, um diese Gefühle zu vermeiden. Leider funktioniert keine der beiden Strategien wirklich. Entweder kann man irgendwann die Gefühle nicht mehr unterdrücken oder die Ablenkungsmanöver haben einen zu hohen Preis. Die unterdrückten oder ignorierten Gefühle kommen einem dann mit voller Kraft ins Bewusstsein. Man spürt sie so klar und deutlich, als ob der Verlust gerade erst passiert sei. So kann es sein, dass ein Alkoholiker, der endlich clean ist, 30 Jahre nach dem Tot eines geliebten Menschen auf einmal weint und trauert als ob der Mensch gestern gestorben sei. Wenn sich jemand jahrelang durch unermüdliche Arbeit davon abgelenkt hat, dass er ein Kind verloren hat, kann es passieren, dass er während des nächsten Urlaubs (auf den er sich nur widerwillig eingelassen hat) auf einmal Gefühle von Wut und Traurigkeit spürt, die keine wirkliche Ursache zu haben scheinen. Die unverarbeiteten Verluste machen es ihm unmöglich den Urlaub zu geniessen. Ohne sich auf seine Arbeit konzentrieren, und dadurch von seinen Gefühlen ablenken zu können, erlebt man auf einmal Gefühle, die man verloren gehofft hatte.


Trauer braucht wie gesagt Zeit (4-8 Jahre sind nicht ungewoehnlich, wobei das erste Jahr - wie oben gesagt - am schwierigsten zu sein scheint). Die Phasen laufen nicht immer linear ab und Rueckfaelle in fruehere Phasen sind nicht ungewoehnlich – vor allem an Jahrestagen (insbesondere am ersten Jahrestag) oder zu besonderen Ereignissen (Weihnachten, Hochzeit, Geburt eines Kindes, Studienabschluss usw.).

Meine Empfehlung waere, dass Sie weiterhin in Kontakt bleiben, Ihrem Freund Zeit lassen, anbieten da zu sein und zuzuhoeren und es nicht persoenlich nehmen, wenn er Abstand braucht. Zu diesem Zeitpunkt wuerde ich noch nicht aufgeben. Es besteht im Moment durchaus die Hoffnung, dass er seine Gefuehle mehr und mehr ordnen und damit auch offen fuer jemand neues ist - aber es wird wahrscheinlich nicht ganz schnell sein. Da muessen Sie dann entscheiden, ob sich das fuer Sie lohnt.

Ich hoffe, dass ich Ihnen mit dieser Antwort helfen konnte. Fuer Nachfragen stehe ich natuerlich gerne zur Verfuegung.

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