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InternetCoach
InternetCoach, Psychologin
Kategorie: Psychologie
Zufriedene Kunden: 1449
Erfahrung:  Familientherapeutin, Drogenberatung, Erziehungsberatung
62882398
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Lügen - sich-beweisen-müssen - Ignoranz des Partners

Kundenfrage

Sehr geehrter Ansprechpartner,


 


bitte helfen Sie mir weiter - ich bin seit fast zwei Jahren in einer liebevollen Partnerschaft, die gerade anfängt zu brökeln.


Schuld sind meine Lügen. Um mich für meinen Partner interessanter zu machen, habe ich gelogen. Niemals um einen persönlichen Vorteil zu erlangen, sondern mir Fähigkeiten angedichtet, die ich gar nicht besitze. Mein Partner hat zwei Kinder und ein sehr liebevolles Verhältnis zu ihnen. Auch mich mögen sie wirklich gerne. Je mehr er sich, nach seiner Scheidung auf sie konzentrierte um so mehr hatte ich das Gefühl, ich müsste ihm beweisen, dass ich auch da bin. Ich bin im Alter von 4 Jahren bis 17 Jahren von meinem Großvater missbraucht worden und war sogar schwanger von ihm - Abtreibung folgte. Ich habe dies eigentlich gut verarbeitet und bin eigentlich in der Lage ein normales Leben zu führen - aber zerstöre gerade meine Beziehung. Meine Lügen ( es waren 5 - 6) sind nun aufgeflogen und er ist sehr enttäuscht und wütend. Wir haben 3 Gespräche geführt, wo er mich auf die einzelne Lüge ansprach. Aus Angst ihn zu verlieren, habe ich - wie er es nannte - per Salamitaktik die Sachen zugegeben, aus denen ich nicht mehr raus kam. Anstatt alles zuzugeben, habe ich bis zum nächsten Entdecken ein Mäntelchen darüber gedeckt. Das mich meine Lügen extremst belastet haben, sieht man daran, dass ich unter einer Urtikaria (Nesselfieber) angefangen habe zu leiden. So schlimm, dass bei einem Schub fast durchgehend alle Körperteile großflächig betroffen sind.


Er nannte mich einen Pseudologen und eine notorische Lügnerin. Wir lieben uns wirklich beide, aber er sieht mich nur noch als ein weißes Blatt und stellt mir die Bedingung zum Therapeuten zu gehen. Ich habe in früheren Beziehungen nicht gelogen und kann auch gar nicht verstehen, warum ich dies gemacht habe. Ich habe ständig das Gefühl nicht zu reichen, obwohl ich beruflich mit beiden Beinen im Leben stehe. Privat bin ich ein liebevoller, umsichtiger und freundlicher Mensch.


Seit dieser Situation (ca. 3 Wochen) gehen mein Partner und ich freundlich, distanziert miteinander um. Oft ignoriert er mich - machmal bewußt, manchmal unbewußt (Ich habe, dass Gefühl, dass er mich büßen lassen will oder am langen Arm verhungern lassen will.) Das macht es aber unerträglich für mich, da ich ja weiß, was ich falsch gemacht habe, mir unsere Innigkeit so sehr fehlt, er mir damit jegliche Sicherheit nimmt.


 


Bitte helfen Sie mir mit einem Rat, da ich nicht weiß, wie mein Partner jemals wieder Vertrauen zu mir fassen soll. Mit freundlichem Gruß


 


P.S.: ich bin weiblich  - falsche Eingabe unter optionaler Information

Gepostet: vor 4 Jahren.
Kategorie: Psychologie
Experte:  InternetCoach hat geantwortet vor 4 Jahren.
Sehr geehrte Fragestellerin,
vielen Dank fuer Ihre Frage. Sie beschreiben eine schwierige und komplexe Situation. Koennten Sie sich vorstellen,d ass Sie gemeinsam mit Ihrem Partner eine Therapie machen, wo Sie ihm all das, was Sie hier gesagt haben, erzaehlen, alle Luegen zugeben, sich also sehr, sehr verletzlich machen, und dann um Vergebung und einen Neuanfang bitten. Das ist ein grosses Risiko und hoffentlich auch eine grosse Chance. Je laenger Sie weitere Luegen aufrecht erhalten, desto unwahrscheinlich ist es, dass er Ihnen je wieder vertrauen wird. Um Vergeben zu koennen, wird Ihr Partner enttaeuscht und wuetend werden muessen. Das ist Teil des Prozesses. Je eher Sie die ganze Wahrheit sagen, desto eher kann der Prozess des Vergebens stattfinden.

Mein Vorschlag waere, dass Sie einfach einen Termin bei einem (Paar)therapeuten machen und ihn dann bitten, mit Ihnen dort hinzugehen. Damit zeigen Sie, wie ernst Sie es meinen damit, dass Sie sich veraendern wollen und die Beziehung erneuern moechten. Wenn Ihr Partner nicht mitgehen mag, dann gehen Sie alleine. Auch das zeigt, wie ernst Sie die Situation nehmen und dass Sie bereit sind, alles notwendige zu tun, um die Situation zu "reparieren". Paartherapeuten werden leider meist nicht von der Krankenkasse bezahlt, aber dafuer bekommt man oft sehr schnell einen Termin.
Koennten Sie sich das vorstellen?
Kunde: hat geantwortet vor 4 Jahren.

Sehr geehrte Expertin,


 


ich habe alle meine Lügen erzählt, für Montag den 03.12.12 einen Termin mit einem Therapeuten bekommen und mein Partner möchte mich begleiten. Es sind keine Lügen mehr da, die aufrecht erhalten werden, aber mein Partner glaubt mir nicht mehr. Trotz seiner freundlichen Bemühungen spüre ich seine Kälte und damit komme ich nicht zurecht. Ich habe ihm alles erzählt und mich sehr verletzlich gemacht - vor allem nachdem was mir in meiner Jugend passiert ist und komme mir jetzt vor als wenn ich zur Schlachtbank geführt würde. Er sollte mich doch auch ein wenig besser kennen - trotz, das ich ihn verunsichert und diese Situation verschuldet habe. Aber heißt Liebe nicht auch verzeihen? Warum nimmt er nicht zur Kenntnis warum das passiert ist?


 


Vielen Dank für Ihre Hilfe

Experte:  InternetCoach hat geantwortet vor 4 Jahren.
Sehr geehrte Fragestellerin,
es freut mich, das zu hoeren. Das ist ein guter Plan. Ihr Partner wird Zeit brauchen. Ich bewundere Ihren Mut und Sie haben mit Ihrer Ehrlichkeit eine neue Grundlage fuer eine Beziehung geschaffen. Vertrauen (wieder) aufzubauen braucht einfach Zeit. Und (leider) recht viel Zeit. Meine Erfahrung ist, dass es 6-12 Monate dauert, damit man nach einem Vertrauensbruch wieder bei 100 % ist. (Was natuerlich nicht bedeutet, dass das Vertrauen bis dahin auf Null ist. Es baut sich natuerlich langsam und stetig wieder auf und kommt dann wieder bei 100% an).

Darf ich Ihnen vielleicht etwas ausfuehrlicher beschreiben, wie der Prozess des Vergebens vor sich geht? Dazu gehoert uebrigens auch, dass Sie sich selbst vergeben.

Viele Menschen denken, dass Vergebung ein Gefühl ist, und dass man nicht vergeben kann, wenn man dieses Gefühl nicht hat. Diese Annahme stimmt aber so nicht. Vergebung ist zwar auch ein Gefühl, aber vor allem ist Vergebung eine Entscheidung.

Als erstes ist da die verletzende Tat oder das Vergehen. Es wurde einem etwas angetan, das falsch, ungerecht und schmerzhaft war. Dabei ist es unwichtig, wie schwerwiegend die Tat war. Die erste Reaktion des Verletzten ist es, den Schuldigen zur Verantwortung ziehen zu wollen. Die meisten Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Darum widerstrebt Vergebung dem gesunden Menschenverstand erst einmal. Redensarten wie „Vergeben und vergessen“ helfen da wenig, denn sie bestätigen (zu Unrecht), dass Vergeben gleichzusetzen ist mit dem Ignorieren eines Unrechts. Wenn man vergibt, tut man so als ob das Unrecht nie passiert wäre. Warum sollte man da vergeben? Weil Vergeben in keinster Weise bedeutet, dass man die Tat vergisst oder einfach über sie hinwegsieht. Das menschliche Gehirn ist ohnehin nicht in der Lage, ein erlebtes Unrecht zu vergessen, und damit ist diese Redensart unsinnig.

Wenn man ein Unrecht erlebt, spürt man als erstes Schmerz. Von einem leichten Ziehen im Brustbereich bis hin zur rohen Verzweiflung. Je nach Art des Vergehens spürt man diesen Schmerz nur, wenn man sich an die Tat erinnert, oder er ist so überwältigend, dass er zum Teil des täglichen Lebens wird. Vielen Menschen wird dieses Gefühl des Verletztseins zu viel, und sie werden wütend. Diese Wut ist angebracht und oft hilfreich. Sie beschützt einen davor, sich wieder in eine ähnliche Situation zu begeben und nochmals verletzt zu werden. Sie erlaubt es einem sich gegen den lähmenden Schmerz zu wehren und im täglichen Leben zu funktionieren.

Und dann? Dann bleibt man entweder im Schmerz oder in der Wut stecken oder man vergibt. Wenn man in diesen Gefuehlen stecken bleibt, dann werden diese Gefühle dann das Leben praegen. Sie beeinflussen alle Erlebnisse und Beziehungen. Oft scheint sich die Person gar nicht mehr erinnern zu können, dass das Leben einmal anders aussah und sich vor allem anders anfühlte. Diese Menschen sind normalerweise bitter und pessimistisch. Sie sehen nur das schlechte im Leben und in anderen Menschen. Sie kritisieren alles und jeden und finden auch an einem wunderschönen sonnigen Sommertag etwas auszusetzen. Sie haben keine wirklichen Freunde und können sich über nichts von Herzen freuen. Sie hegen ständig Rachegedanken und sehen auch in unschuldigen Missverständnissen böse Absichten.

Dann gibt es diejenigen, die nach der Verletzung im Schmerz stecken bleiben. Diese Menschen sind normalerweise deprimiert, depressiv, müde, und erschöpft. Und wenn man Zeit mit ihnen verbringen, fühlt man sich danach genauso. Sie sehen sich als ständige Opfer und haben das Gefühl, dass die Welt darauf aus ist, ihnen wehzutun oder ihnen weiteres Unrecht zuzufügen. Jedesmal wenn man ihnen vorschlägt, wie sie ihr Leben verbessern oder sich einfach nur besser fühlen könnten, dann antworten sie: „Ja, aber....“ Und beschreiben ausführlich, warum der Vorschlag sowieso nicht umsetzbar ist, warum deine Idee von Anfang an unsinnig war, und warum alle Versuche, etwas Freude in ihr Leben zu bringen, ganz sicher fehlschlagen werden. Nach einem solchen Gespräch fühlt man sich hilflos, frustriert, entmutigt und ausgelaugt und man hat das Gefühl im Bauch, dass diese Menschen sich nicht wirklich besser fühlen wollen, dass sie irgendwie ganz zufrieden sind in ihrer Misere.

Um vergeben zu können, muss man sich erlauben, das Vergehen in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Was bewegte den Täter? Hat man selbst in irgendeiner Art und Weise zu der Tat beigetragen? Könnte ein Missverständnis zu der Tat beigetragen haben? Gibt es mildernde Umstände? Wiederholte der Täter etwas, das ihm angetan wurde? Das ist ja auch das, was Sie sich wuenschen und hoffentlich etwas, was im Rahmen der Therapie stattfinden kann. Diese Fragen und die entsprechenden Antworten entschuldigen weder den Täter noch die Tat. Was geschah, ist auch weiterhin falsch, ungerecht und schmerzhaft. Vergebung bedeutet weder, dass man die Tat vergisst noch dass man so tut, als ob sie nie geschehen sei. Man versucht auch nicht, die entsprechenden Reaktionen und Gefühle „wegzuerklären.“ Wenn man vergibt, dann trifft man die Entscheidung, sein Recht auf Rache nicht länger einzufordern. Man entscheidet sich, die verständlichen und gerechtfertigten Rachegedanken loszulassen, damit man nicht länger im Schmerz oder in der Wut steckenbleibt. Vergebung ist ein einseitiger Prozess, eine Einbahnstrasse.

Nach der Vergebung kommt dann die Versöhnung, die in Ihrem Fall natuerlich wichtig und wünschenswert ist. Zur Versöhnung gehören aber zwei. Im Idealfall entschuldigt sich der Täter und bittet um Vergebung - das haben Sie getan. Dann vergibt der Betroffene und die Beziehung kann repariert und erneuert werden.

Und wenn mann sich selbst vergeben muss, weil man selbst der- oder diejenige ist, dem man am meisten wehgetan hat? Der Prozess ist genau der gleiche. Als erstes muss man aufhören, sich selbst bestrafen zu wollen. Menschen werden sehr kreativ, wenn es darum geht, sich selbst zu bestrafen. Manche sind eher offensichtlich, sie ritzen sich, sprechen über Selbstmord, gönnen sich nichts gutes, machen sich alle positiven Beziehungen kaputt und umgeben sich mit negativen und gemeinen Menschen. Andere sind schwerer zu erkennen. Da ist die Mutter, die darin aufgeht, dass sie für andere sorgt, sich aber ständig die eigenen Bedürfnisse untersagt. Sie wird für ihre Selbstaufopferung bewundert. Da ist der harte Arbeiter, der von allen respektiert wird. Er ist morgens da bevor die Kollegen kommen und geht abends als letzter nach Hause. Aber eigentlich tut er das alles nur damit er keine Zeit hat, darüber nachzudenken, was für ein schlechter Mensch er seiner Meinung nach wirklich ist. Selbstbestrafung ist sehr viel weiter verbreitet als man oft annimmt. Manchmal können Menschen nicht annehmen, dass ihnen vergeben worden ist. Auch wenn andere keine Rachegedanken mehr hegen, können sie sich selbst ihr Verhalten nicht vergeben. In diesem Fall kann man die Vergebung eines anderen erst akzeptieren, wenn man sich selbst vergeben hat.

Wie vergibt man sich also selbst? Als erstes gibt man zu, dass das eigene Verhalten falsch war. Dann spürt man den Schmerz, die Trauer, die Wut und die Frustration, die das eigene Verhalten hervorgerufen hat. Danach entscheidet man, sich zu vergeben. Dazu muss man sich die Umstände der Tat genauer anschauen und verstehen, was passierte. Was waren die Beweggründe? Die mildernden Umstände? Wenn man sich dann entscheidet zu vergeben, muss man gleichzeitig akzeptieren, dass einem vergeben wurde. Dazu gehört oft auch, dass man akzeptiert, dass man ein Mensch ist, der es Wert ist und es verdient hat, dass ihm vergeben wird. Gibt es Menschen, denen nicht vergeben werden kann? Bedenken Sie dabei, dass Vergebung nicht wirklich demjenigen hilft, dem vergeben wird, sondern demjenigen, der vergibt. Wenn es Menschen gibt, denen nicht vergeben werden kann, gibt es Menschen, die niemals vergeben dürfen und damit keinen Ausweg haben aus der Misere ihrer Wut oder ihres Opferdaseins. Wenn sie nicht vergeben dürfen, sind sie dazu verurteilt, zu bitteren oder hilflosen Menschen zu werden – und das alles nur weil ihnen wehgetan wurde. Im Fall der Selbstvergebung sollten Sie natuerlich immer auch auf Versöhnung hinarbeiten. Sie sollten sich darum bei sich selbst entschuldigen und diese Entschuldigung natürlich auch annehmen. Danach koennen Sie dann mit sich selbst aussöhnen, mit sich selbst Frieden schliessen und letztendlich mit sich selbst ins Reine kommen.

Vergeben Sie sich also bitte selbst, falls Sie das noch nicht getan haben sollten und dann haben Sie Geduld mit Ihrem Partner. Man kann Vergebung nicht einfordern. Man kann sich nur entschuldigen und dann durch andere Entscheidungen und Verhaltensweisen zeigen, dass man den gleichen Fehler nicht noch einmal machen wird - und dass man vertrauenswuerdig ist (was ja in Ihrem Fall ganz wichtig ist).

Seien Sie geduldig so schwer das auch ist. Wie gesagt, die Tatsache, dass Sie einen Termin bei einem Therapeuten haben und dass Ihr Partner bereit ist, Sie zu begleiten, ist eine hervorragende Voraussetzung fuer Vergebung und Versoehnung.

Ich bitte Sie, KEINE Bewertung abzugeben wenn Sie mit der Antwort noch nicht zufrieden sind. Sie können natuerlich beliebig oft nachfragen, bis Sie eine hilfreiche Antwort erhalten. Ich wünsche Ihnen viel Mut und Erfolg bei den nächsten Schritten.

Mit freundlichem Gruß,

Annegret Noble

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