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InternetCoach
InternetCoach, Psychologin
Kategorie: Psychologie
Zufriedene Kunden: 1449
Erfahrung:  Familientherapeutin, Drogenberatung, Erziehungsberatung
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guten Abend, ich habe jemanden kennengelernt, der scheinbar

Kundenfrage

guten Abend,
ich habe jemanden kennengelernt, der scheinbar Alkoholiker ist, viele Wochen ein völlig liebevoller Mann, fürsorglich ... doch durch eine unerwartetes Ereignis hat er angefangen zu trinken , nur kleine Mengen, seit 2 Tagen, und ist nicht wiederzuerkennen. Wirkt nicht betrunken , ist aber zynisch und sarkastisch , ungerecht und unzugänglich ...
Was habe ich zu erwarten ??? trinkt er weiter bis er in einer Klinik landet oder gibt es vielleicht irgendwas , was ich tun kann ?? Kann amn an die Vernunft appelieren ? oder damit drohen sich völlig zurückzuziehen ? Ich will helfen , weiß aber nicht wie .
Danke XXXXX XXXXX Hilfe !
herzlichst bea
Gepostet: vor 4 Jahren.
Kategorie: Psychologie
Experte:  InternetCoach hat geantwortet vor 4 Jahren.

Sehr geehrte Fragestellerin,

vielen Dank für Ihre vertrauensvoll gestellte Frage. Sie beschreiben eine schwierige Situation. Sie moechten Ihrem Bekannten helfen, wissen aber nicht genau, wie. Ihre Vermutung, dass er ein Alkoholiker sein koennte, scheint nahe zu liegen, denn die meisten Menschen aendern sich nicht dermassen, wenn sie trinken. Meine Vermutung ist, dass Sie entweder nicht erlebt haben, dass er auch vorher schon getrunken hat und/oder, dass er mehr trinkt als Sie denken. Ich moechte Ihnen etwas Hintergrundinformation zum Alkoholismus geben und dann beschreiben, was hilfreiche und was weniger hilfreiche Reaktionen sind. Wenn Sie danach Fragen zu irgendwelchen Details haben, dann beantworte ich diese natuerlich gerne.

 

Alkohol ist ein "logisches" Mittel, um negative Gedanken und Gefuehle abzuschwaechen. Auf emotionaler Ebene hat der Alkohol seine positive Wirkung im Abbau von Spannungs- und Angstzuständen. Bereits bei einer für die meisten nicht wahrnehmbaren Menge von 0,2 Promille verringern sich Angst- und Spannungszustände – die Person wird lockerer und Situationen, die vorher noch Angst verursachten und daher gemieden wurden, können nun vielfach angegangen und bewältigt werden.Ihr Ma ximum erreicht diese Wirkung bei einer Menge von 0,3 Promille. Ab 0,6 Promille wandelt sich diese positive Wirkung jedoch in eine negative. D.h. es kommt leichter zu Angst- und Beklemmungsgefühlen, die schon von sonst eher belanglosen Sachen ausgelöst werden können, und zu viele Hemmungen und damit natürliche Schranken fallen, was für die Umwelt äußerst unangenehme Folgen (Prügeleien, sexuelle Belästigung bis hin zu Gewaltverbrechen) haben kann.

Eine Alkoholabhängigkeit entsteht sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene. Dabei ist es keine Frage der Menge, ob jemand Alkoholiker ist oder nicht: Während manche Alkoholiker ihren täglichen Alkoholkonsum gut kontrollieren können, es jedoch nicht schaffen, abstinent zu bleiben, trinken andere tagelang, ohne ihren Konsum kontrollieren zu können. Die Symptome einer Alkoholabhängigkeit können also variieren.

 

Charakteristische Symptome von Alkoholismus sind zum Beispiel:

  • der starke Wunsch/Drang, Alkohol zu sich zu nehmen

  • die Unfähigkeit, Beginn und Ende des Trinkens zu kontrollieren beziehungsweise zu kontrollieren, wie viel getrunken wird.

  • körperliche Entzugserscheinungen

  • Toleranzentwicklung: Der Alkoholiker benötigt immer höhere Dosen, um sich gut zu fühlen

  • Interessenverlust; Dinge, die früher Spaß gemacht haben, rücken in den Hintergrund

  • Unfähigkeit, den Konsum zu stoppen, obwohl es bereits zu körperlichen, psychischen und sozialen Folgen gekommen ist

Es gibt verschiedene "Typen" von Trinkern (nach Prof. E.M. Jellinek).

Alpha - Trinker
sind Erleichterungstrinker, die mit Alkohol ihre Probleme zu lösen versuchen. Sie sind zwar einer fortschreitenden Abhängigkeit ausgesetzt, können aber ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle halten.

Beta - Trinker
sind Gelegenheitstrinker ohne eine eingetretene Abhängigkeit. Bei ihnen treten vor allem Beschwerden durch Folgekrankheiten auf, z.B. Leberschäden, Magenleiden ( Gastritis ) u.a.

Gamma - Alkoholiker
sind die eigentlichen Alkoholiker, die vom Alkohol seelisch und körperlich abhängig sind. Sie haben über ihren Alkoholkonsum keine Kontrolle mehr.

Delta - Alkoholiker
sind " Spiegeltrinker ", sie können ihren Alkoholkonsum relativ lange unter Kontrolle halten. Sie sind zwar körperlich, aber nicht seelisch abhängig. Bei schleichender Dauerintoxikation sind sie eher unauffällig.

Epsilon - Alkoholiker
werden als " Quartalssäufer " bezeichnet. Nach wochenlanger Abstinenz trinken sie tagelang völlig unkontrolliert.

Hier ein Fragebogen dazu: http://www.alkohol-hilfe.de/suchthilfen/jellinek.htm

Oft bedingen sich Depressionen und Alkohol. Süchtige greifen zur Flasche, um ihre Depression zu therapieren, und der Alkoholkonsum macht durch seine schädigende Wirkung selbst depressiv. Drogen reduzieren das Bewusstsein und wirken somit schmerzlindernd - nicht nur im körperlichen, sondern auch im psychischen Sinne. Besonders Alkohol wirkt stark dämpfend und ist deshalb die bevorzugte Droge vieler Menschen mit Angststörungen.

Depressionen erzeugen ein negatives Weltbild. Sie machen aggressiv, lustlos und stumpf. Alle Gefühle sterben ab, das Leben wird unerträglich fade und erscheint sinnlos. Alkohol dagegen 'macht Stimmung' -, auch wenn sie negativ ist. Euphorie und Wohlgefühl münden bald in Gereiztheit und Unwohlsein, aber der 'Kater' bietet wenigstens ein sozial akzeptiertes (und für das Ego noch erträgliches) Erklärungsmuster für Trübsinn und Antriebslosigkeit.

Gute zusaetzliche Informationen zu dem Zusammenhang von Alkohol und Depressionen (inklusive den Veraenderungen im Gehirn) finden Sie hier: http://www.alkoholismus-hilfe.de/alkoholismus-depressionen.html



 

In Fachkreisen hat man den Begriff der Co-Abhängigkeit geprägt fuer Menschen, die mit Alkoholikern zusammen leben (wie Kinder, Eltern oder Partner, aber auch Freunde und Bekannte). Gemeint sind damit die typischen Verhaltensweisen von Bezugspersonen des Alkoholkranken, die damit die Sucht unterstützen - auch wenn man das natuerlich nicht absichtlich tut. Es ist wichtig, dass Sie nicht in diese Rolle fallen in Ihren Versuchen, Ihrem Bekannten zu helfen.

Menschen, die mit Suchtkranken zusammenleben, werden durch das Verhalten des Süchtigen, sowie dessen Konsequenzen mitbetroffen, beeinträchtigt und gekränkt, ohne zu wissen, was sie anders machen könnten. Angehörige versuchen meistens allein ihre Lebenssituation zu bewältigen und soviel Kontrolle wie möglich über diese chaotische Situation zu gewinnen. Das bedeutet gleichzeitig, dass dem Abhängigen Verantwortung abgenommen wird.

Heute kennt man mehrere typische Verhaltensstile, die von einer Co-Abhängigen Person praktiziert werden:

  • Vermeiden und beschützen: Der Abhängige wird davor bewahrt, die volle Tragweite der schädlichen Konsequenzen des Suchtmittelkonsums zu spüren.

  • Kontrolle: Der Co-Abhängige übernimmt die Kontrolle über den Suchtmittelkonsum des Abhängigen.

  • Der Co-Abhängige übernimmt zunehmend die persönlichen Verantwortlichkeiten des Abhängigen, seien dies Tätigkeiten im Haushalt oder am Arbeitsplatz.

  • Rationalisieren und Akzeptieren: Verhaltensweisen des Co-Abhängigen, mit denen er den Suchtmittelmissbrauch erklärt und rechtfertigt oder gar akzeptiert.

  • Unterstützung und Beteiligung des Co-Abhängigen bei der Beschaffung, der Zubereitung und dem Gebrauch des Suchtmittels.

  • Retten und sich dem Abhängigen nützlich machen: Der Abhängige wird übermäßig beschützt.

Verständnis für die Erkrankung des süchtigen Menschen zu haben, darf nicht bedeuten, dass das Verhalten und dessen Auswirkungen auf die eigene Person toleriert wird. Es sollten klare Grenzen gesetzt werden, was in Kauf genommen wird und was nicht. Werden diese Grenzen nicht eingehalten, ist es wichtig verbindlich zu sagen, wie man dann darauf reagieren wird. In unserer beruflichen Praxis machen wir oft die Erfahrung, dass Süchtige im nachhinein das konsequente Verhalten von Angehörigen als hilfreich beschreiben. Die persönliche Abgrenzung ist keine Entscheidung gegen den süchtigen Menschen, sondern gegen seine süchtigen Verhaltensweisen. In Ihrem Falll koennten Sie z.B. "Hilfe zur Selbsthilfe" anbieten, indem Sie sagen, dass Sie gerne mit zum Arzt gehen, um ueber das Thema zu sprechen, dass Sie Ihren Bekannten zu einer Selbsthilfegruppe begleiten oder ihm helfen, eine Therapie anzufangen. Ansonsten hilft es in der Regel wenig, mit einem Alkoholiker (ganz besonders wenn dieser getrunken hat) zu diskutieren oder zu versuchen, logische Argumente vorzutragen. Erstens sind diese Diskussionen schnell vergessen (wenn er sich ueberhaupt daran erinnert) und zweitens kann man einer Sucht nicht mit Logik begegnen. Suechte sind unlogisch und jemand, der seine Sucht nicht aufgeben moechte, wird nicht auf logische Argumente reagieren. Als Menschen scheinen wir uns (leider) im Allgemeinen erst dann zu veraendern, wenn die gegenwaertige Situation zu schmerzhaft geworden ist. Darum hilft man einem Alkohliker langfristig am meisten, wenn man ihn NICHT vor den schmerzhaften Konsequenzen seines Verhaltens beschuetzt, auch wenn das bedeutet, dass man sich zurueckzieht, finanzielle und emotionale Unterstuetzung aufhoert und zusehen muss, wie ein Mensch seine eigene Situation immer schmerzhafter macht.

Hier finden Sie weitere hilfreiche Informationen:

http://www.alkohol-hilfe.de/Co/co.htm
http://www.forum-alkoholiker.de/
http://www.al-anon.de/
http://www.trocken-leben.de/Seiten/Angehoerige.htm





Wenn meine Antwort Ihren Vorstellungen entspricht, bitte ich Sie, die Antwort positiv zu bewerten. Wenn die Antwort nicht Ihren Vorstellungen entspricht, dann bitte ich Sie, so oft nachzufragen, wie es notwendig ist, bis ich Ihnen helfen konnte. Vielen Dank. Ich wünsche Ihnen viel Mut und Erfolg bei den nächsten Schritten.

Mit freundlichem Gruß,

Annegret Noble

Meine Ausführungen und Meinungen ersetzen keine psychologische Diagnostik oder Therapie. Sie beinhalten nur Hilfestellungen, Vorschläge und Lösungsansätze.





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