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InternetCoach
InternetCoach, Psychologin
Kategorie: Psychologie
Zufriedene Kunden: 1449
Erfahrung:  Familientherapeutin, Drogenberatung, Erziehungsberatung
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Mein Sohn wird 19 Jahre. Hat schon immer große Probleme mit

Kundenfrage

Mein Sohn wird 19 Jahre. Hat schon immer große Probleme mit Lern- und Leistungsverhalten gehabt. Seine schulische Laufbahn ist durch sein starkes ADHS und einer Legasthenie sehr schwierig gewesen und endete ohne Schulabschluss. Trotz allem hat er wegen seiner guten Leistungen im Praktikum eine Ausbildungsstelle zum System Informatiker bekommen. Jetzt hat er sie gekündigt, mit der Begründung, er schafft das nicht. Im monatelangen Praktikum war er laut Chef einzigartig. In der Ausbildung anschließend eine einzige Katastrophe. Trotzdem wollte der Chef ihn nicht gehen lassen, weil er immer noch überzeugt war, er kann es locker schaffen. Mein Sohn hat aufgegeben. Außerdem macht ihm nichts Spass. Er kann nichts.....
Gepostet: vor 4 Jahren.
Kategorie: Psychologie
Experte:  InternetCoach hat geantwortet vor 4 Jahren.

Sehr geehrte/r Fragesteller/in,

vielen Dank für Ihre vertrauensvoll gestellte Frage. Sie beschreiben eine schwierige Situation. Sie machen sich verstaendlicherweise Sorgen um Ihren Sohn. Von dem, was Sie beschreiben, scheint Ihr Sohn an Depressionen zu leiden. Gerade fuer jemanden, der einen ohnehin schwierigen Lebensweg hatte durch ADHS und Legasthenie, ist das nicht ungewoehnlich.


Es gibt einmal eine Form der Depression, die sich Dysthymie nennt, eine chronische milde depressive Verstimmung, die nie dazu fuehrt, dass man morgens nicht aus dem Bett kann oder Suizidgedanken hat, die einem aber das Leben sehr erschwert. Alltaegliche Dinge, die bei anderen Menschen "nebenherlaufen", kosten einen Menschen mit Dysthymie viel Kraft. Darum sind diese Menschen chronisch muede und erschoepft. Es fuehlt sich so an, als ob die "Autopilot"-Funktion des Koerpers kaputt ist. Dinge, die man eigentlich weiss und kann, laufen nie ganz ohne Anstrengung, man muss trotz allem nachdenken und Energie investieren, um sie zu erledigen. Ausserdem ist es ebenfalls anstrengend, gute Dinge im Leben zu geniessen - wie z.B. eine Beziehung, das Elternsein, eine Befoerderung, einen Erfolg. All diese Dinge sind "nett" , aber man spuert nie die wirklich tiefe Freude, die andere Menschen zu empfinden scheinen. Ausserdem scheint man oefter in Konflikte verwickelt zu werden, einmal weil man einfach zu erschoepft ist, um Probleme zu loesen, aber auch weil man in der "Wut" oder der "Frustration" zusaetzliche Energie findet. Wenn man wuetend ist, ist man nicht muede. Diese "Energietankstelle Konflikt" hat natuerlich langfristig sehr negative Auswirkungen auf wichtige Beziehungen.

Die Dysthymie faengt oft im Jugendalter an und wird dann zu einer Gewohnheit. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das Leben auch weniger anstrengend sein kann - man sieht es nur in anderen Menschen, und fragt sich manchmal, was man denn falsch macht oder warum man so anders zu sein scheint. Menschen mit einer Dysthymie werden selten als depressiv wahrgenommen - sie schaffen ja alles und sie lachen auch mal. Erst wenn man eine Behandlung macht - die oft Medikamente und Therapie beeinhaltet - merkt man auf einmal, wie sehr man die ganzen Jahre hat kaempfen muessen. Ein Satz, den ich oft hoere, ist: "Ich wusste gar nicht, dass das Leben so einfach sein kann."

Falls etwas von dem, was Sie hier gelesen haben, auf Ihren Sohn zutrifft, empfehle ich Ihnen, mit Ihrem Hausarzt zu sprechen. Denn obwohl eine Therapie wichtig ist, um die Denkfehler zu erkennen und herauszufordern, die oft mit einer Depression einhergehen, ist eine Dysthymie oft v.a. physiologisch bedingt und spricht daher gut auf Medikamente an.

In einer Therapie wuerden er sich wahrscheinlich vor allem die Glaubenssaetze und Mottos anschauen, die er sich angewoehnt hat, um trotz einer chronischen Depression zu funktionieren. Dazu gehoeren z.B. unrealistische Erwartungen an sich selbst und andere, perfektionistische Tendenzen, Angst vorm Versagen oder das Gefuehl, minderwertig (weil anders) zu sein. Es gibt mittlerweile auch gute Buecher, die einem dabei helfen, seine Glaubenssaetze zu hinterfragen (z.B. Gedanken verändern Gefühle: Fertigkeiten, um Stimmungen, Verhalten und Beziehungen grundlegend zu verbessern von XXXXX XXXXXberger, Christine A. Padesky, Theo Kierdorf und Hildegard Höhr von Junfermann (Oktober 2007)).



 

 

Depressionen gehen einher mit einem besonders negativen Erleben der Welt, mit sog. katastrophisierenden Gedanken, in denen man sich ausmalt, welche schlimmen Dinge passieren könnten. Der Wahrnehmungsfokus liegt auf dem: Was fehlt noch? Was habe ich noch nicht erreicht? Was kann ich noch nicht? Was läuft schief in meinem Leben? Es gibt immer Dinge, die noch nicht so gut laufen, die noch fehlen und die schief laufen, aber depressive Menschen sehen vor allem diese negativen Tatsachen und verlernen mit zunehmender Krankheitsdauer immer mehr, die positiven Dinge auch wahrzunehmen und zu fühlen. Dies führt zu andauernden negativen Gefühlszuständen, starker Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Energielosigkeit. Häufig kommt es auch zu einer Gewichtszunahme oder Abnahme, zu sexuellen Störungen wie erektiler Dysfunktion, Orgasmusstörungen und Libidostörungen. Das Morgentief erleben besonders viele Patienten als große Belastung. Der Tag beginnt schwer, es ist nur mit großer Mühe möglich, das Bett zu verlassen und das Tagewerk zu beginnen. Bei besonders schweren Depressionen schaffen die Patienten es nicht mehr, das Bett zu verlassen.

Bei einer Depression kommt es oft zu kognitiven Verzerrungen. In depressiven Phasen kommt es zu Fehlinterpretationen der Wirklichkeit, die zu einer pessimistischen Sichtweise der Welt, der eigenen Möglichkeiten und der Zukunft führt. Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge werden verwechselt. Unangemessene Verallgemeinerungen (Depressionen kann doch niemand heilen) oder übertreibungen (die Sprechstundenhilfe hat mich abweisend behandelt, als sie sagte, dass ich noch etwas länger warten muss), emotionale Beweisführung (ich habe das Gefühl, dass sie mir nicht helfen kann, also stimmt das) und das weit verbreitete Gedankenlesen (ich weiss, dass sie mich nicht leiden kann) sind typische kognitive Verzerrungen. Depressive Patienten haben eine Neigung zum kognitiven Verzerren. Man weiß jedoch nicht, ob die Depression die kognitiven Verzerrungen auslöst oder ob die kognitiven Verzerrungen die Depression auslösen. Kognitive Verzerrungen könnten z.B. auch erlernt sein. Das Bewusstmachen von kognitiven Verzerrungen und das Auflösen dieser Verzerrungen führen zu einer Verbesserung des subjektiven Erlebens. Depressive Patienten können lernen, ihre Gedanken selbst zu überprüfen und zu verändern. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der Kognitiven Verhaltenstherapie. Irrationale Einstellungen werden verändert und wirken sich damit auf das konkrete Verhalten aus.

Auch die Gehirnchemie ist bei depressiven Patienten verändert. Bestimmte Neurotransmitter wie Noradrenalin und Serotonin sind entweder zu wenig oder zu viel verfügbar. Genau hier setzen Psychopharmaka an. Leider weiß man bis heute nicht genau, wie diese wirken. Man weiß auch nicht, ob die Verschiebung der Neurotransmitterhaushalte die Depression verursacht oder ob die Depression die Neurotransmitterhaushalte negativ beeinflusst. Tatsache ist, dass viele depressive Patienten sehr gut auf die Behandlung mit Antidepressiva reagieren. Die Kombination von Antidepressiva und Kognitiver Verhaltenstherapie gibt heute als die Methode der Wahl für die Behandlung der Depression.





Depression Selbsthilfe

http://www.depression-behandeln.de/depression-sport.html



Die Schwierigkeiten Ihres Sohnes zusammen mit einer Depression koennen durchaus erklaeren, warum er solche Probleme in der Lehre hat. Es koennte auch sein, dass er mittlerweile eine Angststoerung entwickelt hat, und deswegen lieber aufgeben moechte, als seine Aengste und sein "Versagen" zu konfrontieren. Auch bei Angststoerungen ist die empfohlene Therapie eine Verhaltenstherapie in Verbindung mit Medikamenten.

Ich wuerde Sie ermutigen zusammen mit Ihrem Sohn mit Ihrem Hausarzt zu sprechen.

Sprechen Sie offen über die derzeitigen Probleme und den damit verbundenen Leidensdruck. Sie koennen sich dort auch eine Überweisung zu einem Facharzt fuer Psychiatrie oder Psychosomatik ausstellen lassen wenn das sinnvoll erscheint.

Es gibt dann mehrere Moeglichkeiten, einen Therapeuten zu finden. Um relativ schnell einen Termin zur Diagnostik und/oder zur Therapie zu bekommen, wenden Sie sich am besten an eine nahegelegene psychotherapeutische/ psychiatrische ambulante Fachklinik, an eine Universitätsklinik mit einer psychotherapeutischen/ psychiatrischen Ambulanz oder an ein psychotherapeutisches Ausbildungsinstitut. Es dauert oft recht lange, um einen Termin bei einem niedergelassenen Psychologen zu bekommen, aber auch das ist eine Moeglichkeit. Fragen Sie dazu bei Ihrer Krankenkasse nach einer Liste von geeigneten Therapeuten. Hier finden Sie ebenfalls Listen von Therapeuten (mit und ohne Kassenzulassung) nach Postleitzahl geordnet:

http://www.psychotherapiesuche.de/therapeutensuche
http://www.netzwerk-psychotherapie.de/
http://www.therapeuten.de/

http://www.therapeutenfinder.com/therapeuten/

Depressionen sind ernstzunehmende Krankheiten und sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen extrem belastend. Besonders schwierig ist es für Angehörige und das soziale Umfeld, die Gefühlswelt der Erkrankten zu verstehen. Sie möchten helfen, sind aber angesichts der Situation ohnmächtig und hilflos und kommen oftmals an die eigenen Grenzen. Ihre Gefühle schwanken zwischen Angst, Mitleid, Überforderung und Erschöpfung bis hin zu Resignation und Wut. Von Angehörigen wird viel Einfühlungsvermögen und Geduld abverlangt. Seien Sie mutig und ziehen Sie Hilfe von außen hinzu. Dies ist weniger ein Zeichen von Schwäche, als viel mehr eines von Weitsicht.

Nicht immer können Betroffene offen über ihre Probleme sprechen und sich diese eingestehen. Oft versuchen sie derartigen Gesprächen aus dem Weg zu gehen oder diese abzublocken. Ursache dieses Verhaltens sind Schuldgefühle der Erkrankten: Sie fühlen sich verantwortlich für die Belastungen im engeren Umfeld und glauben Familie und Freunde so zu schützen. Versuchen Sie die ersten Schritte für ein Gespräch zu machen. Oftmals können sich die Betroffenen nur schwer konzentrieren. Daher ist es wichtig, dass Sie nicht zu hohe Erwartungen an solche Gespräche knüpfen. Hilfreich ist es, wenn Sie sich über die Krankheit informieren, um die Gefühlswelt des Betroffenen besser verstehen zu können.

Auch wenn sich der Erkrankte abwendet und sich zurückzieht: Beweisen Sie Ausdauer und seien Sie für ihn da. Machen Sie Mut: Burnout und Depression sind behandelbare Krankheiten. Darüber hinaus sollten Sie Aussagen wie "Kopf hoch" oder "Reiß dich zusammen" unbedingt vermeiden. Diese gut gemeinten Ratschläge kommen meistens bei den Betroffenen anders an, als sie gemeint sind und können Frustrationen noch verstärken.

Lustlosigkeit ist ein häufiges Symptom bei Depessions-Patienten. Sie können sich kaum zu Unternehmungen aufraffen und sind mit den meisten Situationen überfordert. Versuchen Sie dem Betroffenen eine Abwechslung zu bieten, doch achten Sie darauf, dass sie nicht zu sehr anstrengt. Sport eignet sich besonders gut, da Stresshormone abgebaut werden. Ziel ist es, einen gewissen Belastbarkeitsgrad wieder herzustellen. Motivieren Sie ohne zu überfordern.

Vergessen Sie Ihre eigenen Beduerfnisse nicht. Tun Sie Dinge, die Ihnen gut tun und Ihren “Energie-Tank” aufladen. Oft haben Angehoerige ein schlechtes Gewissen, wenn sie lachen oder Spass haben waehrend es dem Betroffenen so schlecht geht. Es hilft dem Betroffenen aber nicht, wenn Sie sich Freude und schoene Dinge versagen. Im Gegenteil, Betroffene koennen sich oft nicht mehr vorstellen, dass irgendetwas im Leben Spass machen kann. Darum hilft es manchmal, einfach daran erinnert zu werden, dass es schoene Dinge gibt, auch wenn man sie selbst nicht so sehen kann.



Ich hoffe, dass Ihnen meine Antwort in ihrer Kürze geholfen hat und beantworte auch gerne eine Anschlussfrage. Ich wünsche Ihnen viel Mut und Erfolg bei den nächsten Schritten.

Mit freundlichem Gruß,

Annegret Noble

Meine Ausführungen und Meinungen ersetzen keine psychologische Diagnostik oder Therapie. Sie beinhalten nur Hilfestellungen, Vorschläge und Lösungsansätze.

Wenn meine Antwort Ihren Vorstellungen entspricht, bitte ich Sie, nicht zu vergessen das Honorar (durch Anklicken von "Akzeptieren") anzuweisen. Vielen Dank.

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