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InternetCoach
InternetCoach, Psychologin
Kategorie: Psychologie
Zufriedene Kunden: 1449
Erfahrung:  Familientherapeutin, Drogenberatung, Erziehungsberatung
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ich habe zu viel chaos in meinem leben und ich kann damit nicht

Kundenfrage

ich habe zu viel chaos in meinem leben und ich kann damit nicht umgehen.. job/familie/freunde/männer ... bin viel zu nervös. wie kann ich einfach mal durchartmen?
ich trinke alkohol, aber das ist keine lösung.. nerven sind am ende
Gepostet: vor 4 Jahren.
Kategorie: Psychologie
Experte:  InternetCoach hat geantwortet vor 4 Jahren.

Sehr geehrte/r Fragesteller/in,

vielen Dank für Ihre vertrauensvoll gestellte Frage. Sie beschreiben eine schwierige Situation. Sie wuenschen sich einen "Pauseknopf" fuer's Leben, damit Sie mal so richtig durchatmen koennen.

Sie beschreiben nicht, warum Sie in der Klinik waren und ob die Therapien, die Sie bis jetzt gemacht hatten hilfreich waren. Sie haben Recht, dass Alkohol keine Loesung ist. Chaos im Leben fuehrt oft zu Angststoerungen und Depressionen. Alkohol beruhigt kurzfristig und hilft damit, ein bisschen ruhiger zu sein, aber Alkohol schafft auch Chaos.


Oft bedingen sich Sucht und Depression. Süchtige greifen zur Flasche, um ihre Depression zu therapieren, und der Alkoholkonsum macht durch seine schädigende Wirkung selbst depressiv. Drogen reduzieren das Bewusstsein und wirken somit schmerzlindernd - nicht nur im körperlichen, sondern auch im psychischen Sinne. Besonders Alkohol wirkt stark dämpfend und ist deshalb die bevorzugte Droge vieler Menschen mit Angststörungen.

Depressionen erzeugen ein negatives Weltbild. Sie machen aggressiv, lustlos und stumpf. Alle Gefühle sterben ab, das Leben wird unerträglich fade und erscheint sinnlos. Alkohol dagegen 'macht Stimmung' -, auch wenn sie negativ ist. Euphorie und Wohlgefühl münden bald in Gereiztheit und Unwohlsein, aber der 'Kater' bietet wenigstens ein sozial akzeptiertes (und für das Ego noch erträgliches) Erklärungsmuster für Trübsinn und Antriebslosigkeit.

Beide Erkrankungen - die Sucht und die Depression - sollten schon deshalb parallel behandelt werden, weil sie sich gegenseitig verstärken. Es ist also nicht ausreichend, bei einem depressiven Alkoholiker eine Entgiftung vorzunehmen: In der Entzugsphase würden die (unbehandelten) Depressionen unerträgliche Ausmaße annehmen. Das liegt zum einen daran, dass der Dopamin- und Serotoninspiegel absinken, was an sich schon depressiv macht, zum anderen aber auch daran, dass der depressive Patient nun 'ungeschützt' mit sich selbst konfrontiert ist. Alle die Depression auslösenden und verstärkenden Faktoren drängen nun an die Oberfläche des Bewusstseins, und das zu einem Zeitpunkt, wo die Entgiftung Körper und Psyche ohnehin schon übermäßig stark beansprucht.


Eine intensive Psychotherapie sowie die Behandlung mit Antidepressiva sind daher ratsam, wobei jedoch in Betracht gezogen werden muss, dass viele Antidepressiva nicht mit Alkohol eingenommen werden dürfen. Geeignete stimmungsaufhellende Medikamente (wie etwa Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) können aber den Alkoholkonsum bei depressiven Trinkern nachweislich stark verringern.

 

 

Einige Medikamente sollten nur im Notfall zum Einsatz kommen. Dazu gehören die Benzodiazepine: angst- und spannungslösende Medikamente wie etwa Diazepam und Valium. Sie können im Zusammenhang mit Alkohol gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen und auch allein zu neuen, schwer therapierbaren Abhängigkeiten führen. Benzodiazepine sind bei schweren Schüben so genannter 'ängstlich-agitierter' Depressionen sinnvoll, vor allem dann, wenn die Gefahr von Selbstverletzung und Suizid besteht. Sie wirken sofort stark beruhigend und angstlösend und können somit helfen, schwere Krisen zu überwinden, die sonst eventuell Kurzschlussreaktionen ausgelöst hätten. Auch in der Phase der Umstellung auf andere Medikamente können sie eine Hilfe sein, um grobe Abstürze abzufedern. Eine Einnahme von 'Benzos' über einen längeren Zeitraum ist gefährlich und kommt Medikamentenmissbrauch gleich. Im Zusammenhang mit Alkohol verstärkt sich die Wirkung des Beruhigungsmittels. Je nach Dosierung können lebensgefährliche Zustände auftreten. Ein Benzo-Entzug ist scheußlich, und jahrelanger Gebrauch der Substanz kann beim Absetzen akute bleibende Psychosen hinterlassen.



Eine kontinuierliche psychotherapeutische Betreuung über einen langen Zeitraum hinweg verringert das Risiko eines Rückfalls, indem sie die Persönlichkeit stabilisiert.

 

 

Die Gruppen der Anonymen Alkoholiker und ähnliche Programme bieten eine gute Plattform, um sich über Alkoholismus und Depressionen sowohl mit Fachleuten als auch mit Leidensgenossen auszutauschen. Kognitive Verhaltenstherapien können dabei helfen, neue Wege und Ziele zu erkennen, und gemeinsam Strategien gegen Rückfälle zu entwickeln.

Viele Stimmungstiefs treten übrigens erst Wochen nach dem Entzug auf, so dass langfristige Therapien in jedem Fall von Vorteil sind. Viele Veränderungen des Gehirns bilden sich erst nach einigen Jahren zurück. Gedächtnisstörungen nach jahrelangem chronischem Missbrauch bleiben sogar oft lebenslang bestehen.

 

Wie Sie sehen, reicht eine "Pausetaste" wahrscheinlich nicht aus, um Ihnen zu helfen. Dazu wuerde ich eine kognitive Verhaltenstherapie empfehlen und ein Gespraech mit Ihrem Arzt ueber Medikamente. Moeglicherweise waere auch ein weiterer Klinikaufenthalt notwendig und hilfreich (Sie sagen nicht, wie lange der andere Klinikaufenthalt zurueckliegt.)

 

Um sich sofort zu helfen, empfehle ich Ihnen Yoga, Meditation und Entspannungstraining. Diese koennen immer wieder eine kleine Pause im Chaos schaffen. Das Schluesselkonzept ist die "Achtsamkeit." Hier ist eine kleine Geschichte, die illustriert, wie so eine Pause aussehen koennte:

Ein Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so glücklich sein könne.
Er sagte:
"Wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich liebe, dann liebe ich ..."
Dann fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten:
"Das tun wir auch, aber was machst Du darüber hinaus?"
Er sagte wiederum:
"Wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich ... "
Wieder sagten die Leute:
"Aber das tun wir doch auch!"
Er aber sagte zu ihnen:
"Nein -
wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,
wenn ihr steht, dann lauft ihr schon,
wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel."

 

Mittlerweile gibt es mehrere Studien, die zeigen, wie Achtsamkeit und Meditation Depressionen mindern, Aengste verringern und den Drang nach Alkohol verringern.






Ich hoffe, dass Ihnen meine Antwort in ihrer Kürze geholfen hat und beantworte auch gerne eine Anschlussfrage. Ich wünsche Ihnen viel Mut und Erfolg bei den nächsten Schritten.

Mit freundlichem Gruß,

Annegret Noble

Meine Ausführungen und Meinungen ersetzen keine psychologische Diagnostik oder Therapie. Sie beinhalten nur Hilfestellungen, Vorschläge und Lösungsansätze.

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